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Eckgrafik zum Imitieren des verschobenen Dropshadows

Barrierefreies Internet

Geschrieben am 28.12.2006

Unsere Partnerin Corinna Habets hat in ihrem gestrigen Vortrag über User Interfaces schon dafür plädiert, den User endlich mehr in den Mittelpunkt der Entwicklung zu rücken. Was das barrierefreie, also für Behinderte zugängliche Internet angeht, gibt es noch größeren Nachholbedarf als anderswo. Sebastian Andres ist selbst blind und weiß, wovon er redet, wenn er dem Auditorium die DOs und DONTs der Barrierefreiheit erklärt. Wenn auch die Präsentation von Positiv- und Negativbeispielen als Trockenübung stattfinden musste, hörten wir und zahlreiche andere gebannt zu.

Blinde arbeiten auch am Computer meist mit der gebräuchlichen Braille-Schrift, die aus einem geprägten Punktraster besteht. Für die Eingabe steht eine entsprechend beschriftete Tastatur zur Verfügung, die Ausgabe besorgt eine sogenannte Braille-Zeile, auf der die Lettern entsprechend dem Text auf dem Schirm angeordnet werden. Eine Braille-Zeile kostet zwischen 6000 und 12000 Euro. Eine Alternative bieten Vorleseprogramme, die die Schrift gesprochen über die Computerboxen ausgeben.

Für die Ausgabe muss eine Webseite aber erst einmal aufbereitet werden, durch einen Screenreader. Ein solches Programm filtert aus dem Code einer Seite die relevanten Inhalte, also Text und Links, aber auch Alternativtexte von Bildern, heraus und stellt sie in einer sinnvollen Reihenfolge zusammen (wie sinnvoll diese Reihenfolge ist, hängt natürlich wesentlich von der Programmierung der Seite ab).
Da Webseiten durch die Screenreader Zeile für Zeile und Link für Link ausgegeben werden, bietet es sich an, vor Navigationsleisten mit vielen Links sogenannte Anker zu setzen, mit denen man sie überspringen kann. So kommt der Nutzer schneller an die Inhalte.

Ein häufiges Ärgernis für Blinde ist die Benennung von Seitenelementen: Wo einem Sehenden ein Bild dargestellt wird oder sich die Bedeutung eines Bereichs auf dem Kontext erschliesst, sagt "Frame 01" zum Beispiel einem Blinden nichts. Auch uneindeutig bezeichnete Schaltflächen und Formularfelder, deren Bezeichnung nicht in unmittelbarer Nachbarschaft liegt, machen Probleme. Fast schon ein "Running Gag": "Hier klicken".

Ganz ausgesperrt werden Blinde durch Authentifizierungen, die eigentlich gegen Spambots gerichtet sind. Oft soll der User aus einem Bild einen Code abtippen, etwa bei der Anmeldung zu Google Mail. Daran scheitert jeder Screenreader, an solchen Barrieren ist für Sehbehinderte Schluss. Wie es gehen kann, zeigt die Netbank. Dort kann man den Code auch als gesprochenen Text in einer mp3-Audiodatei herunterladen.

Tabellen, die dem Sehenden die Übersicht erleichtern, können den Blinden User heillos überfordern. Der Screenreader liest Zeile für Zeile, um Zusammenhänge zwischen den Spalten herzustellen, muss sich der User je nach Größe der Tabelle unzählige Daten merken. Schon in der Überschrift sollte der Inhalt einer Tabelle deutlich werden, jede Zeile und Spalte aussagekräftig beschriftet sein. Tabellen für das Layout einer Seite zu verwenden ist ohnehin schon lange absolut verboten.

Es versteht sich, dass barrierefreie Seiten unter allen Browsern funktionieren sollten. Das nützt nicht nur Blinden, deren Browser zum Beispiel manche Javascript-Befehle nicht interpretieren können, sondern auch mobilen Anwendern, die die Seite vom Handy aus anwählen.

Links, die sich in neuen Fenstern öffnen, stören enorm die Übersicht. Mit dieser Funktion ist also extrem sparsam umzugehen. Sie hat allenfalls für Links auf externe Seiten Sinn. Wir befolgen diese Regel konsequent, von vergrößerten Bildansichten einmal abgesehen. Wer unsere Seite im Blick behalten will, möge bitte die rechte Maustaste bemühen.

Shortkeys, die Belegung von Links mit einer Tastenkombination, beispielsweise ALT+S für Suchen, haben in einigen Browsern Vorrang vor den Browser-eigenen Tastenbelegungen. Wer nicht grafisch über die Maus navigieren kann, dem legt eine solche Funktion in einer Website eventuell den ganzen Browser lahm.

Flash-Animationen und Laufschriften sollten wohl keines weiteren Kommentars bedürfen. Manche davon machen mich als Sehenden schon wahnsinnig. Während der Screenreader spricht, kann auch Musik nur stören, ebenso sich automatisch abspielende Videos.

Automatische Seitenaktualisierungen per Javascript müssen nicht sein. Die Aktualisierung kann der Benutzer auch selbst über eine Schaltfläche starten. Ein Screenreader beginnt bei jedem neuen Laden einer Seite von oben und kommt eventuell bis zur nächsten automatischen Aktualisierung gar nicht hinterher.

So wie die Handy-Nutzer von Programmierung für Blinde profitieren, ziehen auch diese ihren Nutzen aus Angeboten speziell für mobile Endgeräte: Viele wap-Seiten für Handys sind aufgrund des kleinen Displays und der geringen Bandbreite weit einfacher und lesbarer aufgebaut als ihr html-Pendant, daher weichen Sehbehinderte gern dorthin aus.

Vorteilhaft für die Lesbarkeit ist die Programmierung mit CSS (Cascading Style Sheets). Mit dieser Technik werden Inhalte und Layout- bzw. Designinformationen strikt voneinander getrennt, was den Screenreadern enorm die Arbeit erleichtert. Darüber hinaus lassen sich CSS-basierte Seiten leichter warten und verändern. Mehr über CSS erfährt man bei unserem Partner css-petals.

Bedarf herrscht offensichtlich noch an einem durch Blinde bedienbaren Content Management System (CMS). Während die Frontends, also die für den Besucher sichtbaren Seiten vieler CMS schon barrierefrei sind, machen die Backends, die Wartungszugänge noch Schwierigkeiten.


Wir und unsere online-Partner css-petals und Corinna Habets legen großen Wert auf saubere Programmierung und Barrierefreiheit. Gerne stehen wir für Fragen auf diesem Gebiet zur Verfügung. Sind im Vortrag wichtige Aspekte zum Thema ausgelassen worden? Haben wir etwas vergessen? Sie haben einen interessanten Link? Nutzen Sie die Kommentarfunktion.


Mehr Informationen:
Informationen zum barrierefreien Internet
Biene-Award für Barrierefreies Internet
Steckbrief dieses Vortrags beim 23c3


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