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Podjournalism

Geschrieben am 30.12.2006

"Bicyclemark" nennt sich einen Podjournalisten. Im "richtigen Leben" heißt er Mark Fonseca Rendeiro. In seinem Blog schreibt er sowohl über sein Privatleben als auch über die Lage in Somalia. Heute versucht er dem Publikum beim 23c3 die Vorzüge des Podjournalismus gegenüber der traditionellen Berichterstattung schmackhaft zu machen.

Podcasting bedeutet zunächst einmal nur, eine Audiodatei wie mp3 oder neuerdings ein Video zu erstellen und darin über irgendetwas zu sprechen, und sei es, was es zum Frühstück gab. Manche spezialisieren sich thematisch. Die einen auf Kochrezepte, die anderen auf Lokalpolitik oder Protestaktionen von Umweltschützern. Das Podcasting mit journalistischem Anspruch nennt sich Podjournalismus.

Der Begriff ist noch äußerst jung und die Technik ist erst seit wenigen Jahren verfügbar, doch die Zahl der Podcasts und deren Hörer steigt rasant. Für Rendeiro gibt es dafür noch andere Gründe als den Spaß an den neuen technischen Möglichkeiten. Er sieht die Medienlandschaft in den späten Neunzigern als "Media Wasteland", in der journalistische Angebote an Aufmerksamkeit verlieren. Gründe dafür sieht er in der Konzentration von Medienangeboten in den Händen weniger Konzerne, wodurch dem Publikum auf verschiedenen Stationen der gleiche Inhalt in unterschiedlicher Verpackung präsentiert wird. Damit einher geht die Reduzierung von Budgets und Personal. Die Bildung transnationaler Medienkonzerne entfremdet die Anbieter noch weiter vom Publikum. Dem Publikumsschwund versuchen manche Anbieter durch Sensationalismus und "Infotainment" zu begegnen. Investigativer Journalismus erscheint dagegen teuer und "unsexy".

Dieses Loch sollen nun Blogs und Podcasts füllen. Sie erfüllen unter anderem den Wunsch nach Authentizität, gerade dadurch, dass sie nicht perfekt wirken. Wenn man sich nun aber einige Podcasts mit journalistischem Anspruch ansieht, die NICHT auf dem Wege der Zweitverwertung aus professionellen Redaktionen kommen, wünscht man sich bei aller Authentizität auch ein wenig Aufbereitung, Recherche und Kommentar. Als Beispiel zeigt Rendeiro ein Video des freien Journalisten Josh Wolf von den Protesten gegen den G8-Gipfel in San Francisco. Sicher ist es ein interessantes Dokument, doch für sich genommen für ein Publikum ohne Vorinformation wertlos.

In der subjektiven Berichterstattung sieht Rendeiro kein Problem, sondern eine Chance. Kritischer Journalismus braucht in seinen Augen keine Objektivität. So weit, so gut, der "New Journalism" eines Tom Wolfe oder eines Hunter S. Thompson war auch nicht objektiv, aber professionell. Den Podjournalisten pauschal die Professionalität abzusprechen, wäre unzulässig, jedoch gibt es keine Auswahlinstanz.

An Stelle der Top-Down-Struktur tritt beim Podcasting das Bottom-Up-Prinzip, wobei Rendeiro die Antwort schuldig bleibt, was und wo bei den Podcasts "Up" ist, und ob sie nicht einfach am Boden bleiben. Natürlich hat er Recht, wenn er sagt, dass die Podjournalisten ohne Rücksicht auf Chefs, Firmenpolitik und Anzeigenkunden sagen können, was sie wollen, und kritisieren, wen sie wollen, doch wer nimmt es wahr? Die fehlende Hierarchie über ihnen ist auch ihre große Schwäche. Ihr Publikum bleibt sehr klein. Die horizontale Vernetzung, die enge Verlinkung, Zusammenarbeit und gegenseitige Beobachtung in der Blogosphäre, kann zwar dazu dienen, Nachrichten im Netz sehr schnell zu verbreiten, um aber den Weg in eine breite Öffentlichkeit zu finden, müssen diese Nachrichten weiterhin den Weg über die etablierten, konzerneigenen Medien nehmen und deren Auswahlkriterien erfüllen. Ohne Selektionsinstanz bleibt Podcasting für die meisten Internetuser ein lautes Rauschen mit - entschuldigung - einem Großteil Bullshit.

Nachdem er zuvor noch in einem Anflug von Rebellentum eine Überziehung angekündigt hat, wird Rendeiro nach deutlicher Kritik aus dem Publikum wieder konform: Mit dem Hinweis auf die knappe Zeit macht er sich aus dem Staub. Doch abseits der Bühne lässt er sich noch auf eine Unterhaltung ein (mit der ich dem Video-Dokumentationsteam anscheinend das halbe Interview abnehme, auf jeden Fall filmen sie brav über meine Schulter).
Wie er Journalismus definieren soll, kann er selbst nicht so recht sagen. Nur, dass er nicht den "alten Journalismus" meine, sondern einen neuen. Ob er denn dafür dann unbedingt das alte Wort okkupieren müsse? Weiß er auch nicht so genau. Er müsse zumindest nicht auf einer Journalistenschule gewesen sein, um journalistisch zu arbeiten. Meinetwegen. Dass er sich nach eigener Angabe um Persönlichkeitsrechte wenig schert, wenn er Fotos oder Videos aufnimmt, stört mich da schon eher. Auf der Journalistenschule hätte man ihm das anders beigebracht.

Seine Informationen zum Beispiel über Somalia bekommt er auf verschiedenen Wegen: Er hat Freunde aus Äthiopien, liest den "Guardian" und einige alternative Blätter. Dass er den Einen oder Anderen auf politische Vorgänge aufmerksam macht, die sonst im Verborgenen gebliebenen wären, weiß er aus dankbaren E-Mails. 1000 Hörer hat er pro Woche. Ist das den Aufwand wert? Bei der Arbeit antwortet er für sich manchmal mit nein, aber in der Rückschau hat es sich gelohnt. Den Hype der großen Medienkonzerne um die neue Technik, in der sie im Augenblick mit eigenen Angeboten Fuß zu fassen versuchen, kann er allerdings nicht verstehen. In seiner Wahrnehmung gehen die Publikumszahlen schon zurück. Seine Vermutung: Sie werden müde. Und kehren eventuell zu Angeboten zurück, die man sich nicht noch selbst aufbereiten muss.


Bicyclemarks Blog
Steckbrief des Vortrags beim 23c3


2 Kommentare

Von Till Achinger am 07.01.2007, 23:42

Das kommt davon, wenn man auf dem Flur zwischen zwei Vorträgen noch unbedingt seine Meinung loswerden will. Wird korrigiert, bevor ich damit noch mehr kostbare Minuten meiner Leser verschwende. Danke, Herr F., und Grüße nach Siegen! ;-)

Von AlexF am 30.12.2006, 21:14

"...veruscht er dem Publikum beim 23c3 die Vorzüge des Podjournalismus..."

Ich habe fast eine Minute gebraucht, um herauszufinden was der Autor uns damit sagen will.
War aber wohl weder Großstadtslang noch geekige Fachsimpelei... eher ein Buchstabendreher.
Trotzdem ein interessantes Wort. Veruschen. Klingt verboten irgendwie.

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