Praktikum im Schuhgeschäft?
Geschrieben am 20.12.2006
Heute lief für mich die letzte Welle der Weihnachtsgeschenke-Kampagne an. Todesmutig schlug ich mir eine Bresche durch die Horden von Holländern, die jedes Jahr um diese Zeit Münster überschwemmen, um die letzten Besorgungen zu machen. Für mein persönliches Glück hätte schon ein Ersatzteil für meine Kaffeekanne gereicht, damit ist die Fachverkäuferin zur Zeit aber überfordert. Bestellung aufgeben? Fehlanzeige. Kommen Sie doch im Januar wieder. Darauf wollte ich aber nicht hinaus, sondern darauf, dass mir allein in einer Straße der Fußgängerzone drei Schilder in Geschäften aufgefallen sind: "PRAKTIKANTEN GESUCHT"!
Moment - Praktikanten? Das böse P-Wort? Das von der begehrten Lebenslauf-Trophäe mittlerweile zum Angstgespenst der Generation Precaire geworden ist? Genau. Und ich könnte schwören, derartige Angebote gab es in den letzten Jahren noch nicht. Da hingen an den selben Stellen Zettel mit der Aufschrift "Aushilfe gesucht" oder "Motivierte Servicekräfte gefragt" oder hip-jugendlich "We want YOU". Nicht mehr in 2006, schließlich hat auch der Einzelhandel Zeitung gelesen und gelernt. Was in Mediaagenturen, Redaktionen und Unternehmensberatungen funktioniert, könnte sich doch adaptieren lassen. Steht doch in der Zeitung, die Jugend prügelt sich förmlich um den Einstieg in die verlockende Welt der Festanstellung.
So, wer ist verzweifelt genug auf der Suche nach Berufserfahrung, um für kaum bis kein Geld in der Vorweihnachtszeit Regale einzuräumen? Freiwillige vor! Ein Praktikum bei Schuh Drücker oder in der Buchhandlung Wurm kann DAS Alleinstellungsmerkmal im Lebenslauf sein!
Böse Kapitalisten? Das nun auch wieder nicht. Die Einzelhändler folgen, wie auch die Agenturen, der Logik von Angebot und Nachfrage und dem Streben nach Gewinnmaximierung. Und das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften im Super-Niedriglohnsektor scheint, wenn man den Magazinen und Zeitungen glauben darf, riesig zu sein. In sich gehen sollten vor allem diejenigen, die ihren Marktwert mit Null beziffern und sich auf diesen Deal einlassen, egal ob im Schuhgeschäft oder in der Agentur.
Zugespitzt gesagt: Wer ohne einen entsprechenden Gegenwert (der kann durchaus immateriell sein, etwa ein wirklicher Lerneffekt) arbeitet, der tut nichts anderes, als sich ins Berufsleben hineinzukaufen. Ich wage aber zu behaupten, dass diese Taktik auffliegt und ein kluger Personaler einen selbstbwussten qualifizierten Mitarbeiter, der seinen Wert einzuschätzen weiß, dem Lebenslauf-Punktesammler vorzieht. Was bleibt also von einem solchen Praktikum? Was hätte man mit der unbezahlten Zeit alles anfangen können? Vielleicht an einem See sitzen und aufs Wasser schauen. Ein Buch lesen. Oder ein eigenes Projekt starten, wirklich sinnvolle Erfahrung sammeln.
Allen, die mit dem Gedanken spielen, sich auf diese Tretmühle einzulassen, empfehle ich daher zunächst unter anderem die Lektüre von Lobo/Friebe: Wir nennen es Arbeit. Die beiden "digitalen Bohèmiens" aus Berlin ermutigen dazu, sich Wege abseits der Festanstellung zu suchen - eine inspirierende Lektüre für den Jahreswechsel.
Ein kleiner Nachtrag: Wir haben Initiativbewerbungen auf Praktika bisher immer abgelehnt, schlicht aus dem Grund, dass sich durch unsere dezentrale Arbeitsweise und die geringe personelle Größe der Agentur kein ausreichender Lerneffekt ergeben würde, also kein Gegenwert. Stattdessen sind wir in dem Punkt recht konservativ: Gute Arbeit wird gut bezahlt. Das zahlt sich aus.
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