Second Life - Soziale Bewegungen 2.0?
Geschrieben am 04.03.2007
Jetzt hat also auch der etablierte bundesdeutsche Magazin-Mainstream mitbekommen und aufgegriffen, dass die Virtuelle Realität im Internet eine neue Stufe erklimmt: Second Life ist in aller Munde und auf aller Titelblatt. Nachdem der Spiegel diese Woche mit einem Selbstversuch aufmachte, will uns Capital die wirtschaftlichen Chancen schmackhaft machen. Unterdessen erreichen schon die Probleme des "ersten Lebens" das "zweite".
Unser Online-Partner Tobias Baldauf (css-petals) wies schon bei einem Vortrag im Herbst 2006 auf die soziale und wirtschaftliche Kraft sowie das PR-Potential von Second Life hin und auch beispielsweise PR-Blogger Klaus Eck schrieb nicht erst im Artikel Megatrend Second Life Management darüber, doch jetzt erst hat der Hype auch die klassischen Medien erfasst. Zugegeben: Auch ich tue mich schwer damit, noch Zeit für virtuelle Welten freizumachen und war bisher der Meinung, dass Interaktivität und Spezialeffekte des "wahren Lebens" nicht zu toppen sind, doch vielleicht wird hier ein Umdenken stattfinden müssen.
Wirklichkeit entsteht im Kopf, nicht in Atomen. Dass das Handeln im virtuellen Raum reale Konsequenzen hat, müsste jedem Menschen der Jetztzeit einleuchten. Dass die Grenze zwischen Spiel und Ernst nicht scharf gezogen ist, machen in letzter Zeit im asiatischen Raum geschehene Morde aus Rache für in online-Rollenspielen angetane Ungerechtigkeiten auf drastische Weise klar. Wie die virtuelle in die physische Welt abstrahlt, halten alte Bekannte des Gemeinwesens Einzug in die Pixel-Dimension.
Im Second Life entsteht derzeit, wie in jeder Gesellschaft, bereits eine Gegenkultur. Das halte ich deshalb für bemerkenswert, weil wir uns für gewöhnlich der Gesellschaft, in der wir leben, nicht entziehen können. Protest und Gegenkultur bieten dann eine Alternative. Um sich dem Second Life zu entziehen genügt es aber, sich nicht einzuloggen. Also kann nur ein gewisser destruktiver Spaß dahinter stecken, oder aber die Vorstellung, dass dieses "Zweite Leben" eventuell eine Bedrohung für das "erste" darstellt.
Da Second Life sich alle Mühe gibt, das "echte" Leben zu kopieren, tauchen die klassischen Protestformen dort auf: Es finden Demos statt, es werden Wände besprüht, manchmal geht es auch etwas derber zu, wie das Spieleportal 4players berichtet. Die Aktionen gehen über Nonsens und Cultural Jamming bereits hinaus.
Auch die illegalen Formen des Widerstands greifen virtuellen Raum: Ein FAZ-Artikel berichtet neben "normaler" Kriminalität von Störaktionen, die die Server zum Erliegen brachten, und einem ersten Attentat auf den Avatar der Second-Life-Millionärin Anshe Chung. Die ersten marodierenden Banden ziehen um sich schießend durch die Straßen. Auf dem Friedhof landet deshalb niemand, nur möglicherweise - wie im Falle des FAZ-online-Redakteurs - in einer Ritterburg.
Politische Gewalt und Terror mit den Mitteln eines Computerspiels - schöne neue Welt. Unter dem Namen Second Life Liberation Army (SLLA) operiert eine Rebellengruppe, die sich als "militärischer Flügel einer Nationalen Befreiungsbewegung" sieht, gegen die "Regierung" Linden Lab, zündet virtuelle Bomben und fordert Demokratie - wohlgemerkt: alles innerhalb des "Spiels", das für viele schon viel mehr ist als das.
Was wird die Zukunft bringen, welche Richtung die Parallelwelt nehmen? Erstmals seit Jahrhunderten wird wieder in großem Stil Land besiedelt, müssen sich Menschen ganz neu miteinander arrangieren. Hochspannend. Historiker, Politologen, Soziologen dieser Welt, schaut auf dieses Spiel!
1 Kommentare
Von Tobias am 22.03.2007, 23:39
Es muss nicht immer "Second Life" sein! ;)
Mehr und mehr Benutzer sind offenbar unzufrieden mit dieser Welt 2.0. (siehe http://www.golem.de/0703/51209.html) LindenLabs scheint mit der Entwicklung der Welt und ihrer Regeln nicht wirklich voran zu kommen. Es gibt weder einen effektiven Schutz des geistigen Eigentums noch einen InGame Schutz vor Angreifern jeglicher Art. "Mord"-Anschläge sind ja nur ein Spaß - wirklich spannend wird es, wenn bezahlte Angreifer Firmensitze der Konkurrenz attackieren - ob nun durch InGame-Attacken (Anzünden z.B.) oder durch DoS-Attacken (durch massives Auftreten). Das ist wahrer Manchester-Kapitalismus!
Dieses "Ohne-Moos-Nix-Los" stimmt leider auch auf vermeintlich guter Seite: Ohne reales Geld in virtuelle Gegenstände, Güter & Dienstleistungen zu stecken, ist in Second Life nichts zu machen - selbst das Individualisieren des eigenen Avatars kostet Geld.
Im krassen Gegenzug dazu beschreien die Medien momentan den "American Dream 2.0" in Second Life: Angeblich sei Second Life eine Welt, in der das virtuelle Geld quasi von selbst in die Polygon-Börse segelt & dann auch schnell echtes Geld wird. Schön wär's. Doch wie immer lässt sich jeder Traum mit einigen wenigen sachlichen Grundfragen auf den Boden der Tatsachen zurückholen: Wer soll das bezahlen? Second Life ist keine Goldgrube. Geld dort zu verdienen ist schwerer als in der normalen Welt (ganz logisch!) weil die Infrastruktur einfach noch nicht viele Jahrzehnte der Entwicklung wie in der realen Welt durchlaufen konnte.
Second Life ist spannend zu beobachten - keine Frage - und ich glaube immer noch daß das Web 3.0 (jaja...) auch das Web 3D wird (siehe http://www.css-petals.net/post/web_3_0___web_3d__.html9). Aber wie schon in meinem Artikel beschrieben: Nirgendwo im Web steht in Stein gemeißelt, daß das Web 3D "Second Life" heißen muss. Stetige Überlastung der Server + der Mitarbeiter von LindenLabs hat vermutlich bereits dazu geführt, daß jmd. an einem "besseren" Konkurrenzprodukt arbeitet!



