Tracking & Tracing
Geschrieben am 28.12.2006
Wo ist meine Amazon-Bestellung? Wie viele Apfelsinen sind noch im Lager? Fahren junge Autofahrer zu schnell? Die Einsatzgebiete von Tracking sind unglaublich vielfältig geworden. Volker Birk gab einen kurzweiligen Überblick über Technik, Anwendung und mögliche Risiken (Wenn man ohne Sicht hinter einer Säule saß, hätte man den schwäbelnden jungen Mann hin und wieder für Michael Mittermeier halten können).
Speditionen nutzen es, um Zeit und Benzin zu sparen, aber auch um schneller an ihr Geld zu kommen, indem sie sofort über die pünktliche Auslieferung von Waren im Bilde sind. Auch die Ruhezeiten der Fahrer, deren Nichteinhaltung die großen Speditionen nicht selten jährlich Millionen an Bußgeldern kostet, werden so überwacht und - natürlich - Waren und Benzin gegen Diebstahl geschützt. Wenn der Diesel-Füllstand eines LKWs an einem bestimmten Rastplatz regelmäßig einen Knick erleidet, wird die Spedition wohl einmal nachforschen.
Das womöglich bekannteste und umstrittenste Tracking-Projekt in Deutschland ist wohl die vom Konsortium "Toll Collect" betriebene LKW-Maut. Eine nächste Stufe könnte eine - eventuell sogar europaweit einheitliche - PkW-Maut sein. Während diese noch eine - wenn auch nicht unwahrscheinliche - Zukunftsmusik ist, ist ein anderes neues Einsatzgebiet für Tracking schon in der Erprobung: Versicherungen wollen außer ihren "All Inclusive"-Angeboten bald auch speziell auf ihre Kunden zugeschnittene Policen verkaufen. So könnte beispielsweise eine nächtliche Fahrt auf der Autobahn anders berechnet werden als das morgendliche Pendeln in die Innenstadt. Deutscher Vorreiter auf diesem Gebiet ist im Augenblick die Württembergische Gemeindeversicherung, die jugendlichen Fahranfängern im Tarif young and safe 30 Prozent Rabatt gewährt, so lange sie nicht all zu oft die Geschwindigkeitsbegrenzung übertreten. Realisiert wird das durch eine mahnende Onboard-Unit, die per GPS die Position und Geschwindigkeit des Wagens bestimmt und mit einer Datenbank abgleicht. Bei den ersten Verstößen wird der Fahrer nur erinnert, dann verliert er den Rabatt und muss nachzahlen.
Für das Tracking kann nicht nur das Satellitennavigationssystem GPS, sondern auch das GSM-Handynetz verwendet werden. Über die Identifikationsnummer der Zelle, in die das Mobiltelefon eingebucht ist, oder noch genauer durch Triangulation mehrerer Zellen, lässt sich ein Standort einigermaßen genau bestimmen. Die Größe dieser Zellen variiert zwischen einigen Metern und mehreren Kilometern.
Als Gateway-Tracking bezeichnet man ein System, in dem die Tracking Items, also die Objekte, deren Position ermittelt werden soll, beim Passieren eines sogenannten Gates registriert werden, beispielsweise beim Verladen in einen Lastwagen. Bei der Post geschieht das durch das Einscannen von Strichcodes, andere Speditionen nutzen RFID-Chips, kleine passive Funksender.
Ein interessanter Ansatz ist die Peer-to-Peer-Positionierung, bei der sich viele über das Land verteilte Sender, von denen nur einige über ein eigenes GPS verfügen, zu einem Ad-Hoc-Netzwerk zusammenschließen und ihre Position relativ zueinander bestimmen. Ein entsprechendes Pilotprojekt lief vor einiger Zeit in Australien an.
Zusätzlich zu Positionen lassen sich noch weit mehr Daten erfassen: Bei Fahrzeugen zum Beispiel Füllstand des Tanks, Innen- und Außentemperatur und Geschwindigkeit, aber auch die manuelle Erfassung der Laune eines Kunden im Callcenter fällt unter den Begriff Tracking.
Die Daten der verschiedenen Positionieungssysteme lassen sich natürlich auch als Metadaten zusammenfassen: Ein Gateway verrät, in welchem Laster sich ein Paket befindet, der Truck funkt seine Position. Und erst in der Zusammenführung und vor allem der cleveren Auswertung der Trackingdaten liegt das eigentliche Potential: Statt in einer klassischen Datenbank landen sie in sogenannten Datawarehouses, multidimensionalen, auf Statistik spezialisierten Datenspeichern, wo sie nach Gruppen geordnet und gefiltert und in verschiedensten Formen dargestellt werden können. Auswertungen, die früher monatelange Arbeit von Statistik-Spezialisten erforderten, lassen sich nun mit wenigen Mausklicks erstellen.
Das "Profiling", das Anlegen von Profilen über Firmen, Waren oder Menschen mittels der Trackingdaten, hat unbestreitbare ökologische und ökonomische Vorteile, indem sich zum Beispiel Transportketten optimieren lassen, aber auch Schattenseiten: Beispielsweise führt es leicht zum "automatisierten Vorurteil", indem mich ein Callcenter bei negativem Profil etwa länger in der Warteschleife lässt als einen "guten" Kunden.
Und natürlich schüren solcherlei Datenerhebungen auch zu Recht die Angst vor Mißbrauch. Eine lückenlose zentrale Überwachung von Bewegungen im Straßenverkehr ist genauso inakzeptabel wie ein Gatewaytracking über den elektronischen Reisepass. Wichtig wäre hier wie so oft, den Grundsatz der Datensparsamkeit durchzusetzen und nur das aufzuzeichnen, was tatsächlich gebraucht wird. Birk schlägt ein einheitliches Gütesiegel vor und weist in diesem Zuammenhang auf die Sammelklage gegen die Vorratsdatenspeicherung hin - in der Hoffnung, dass wir es zum Beispiel mit unseren Mautbrücken gar nicht erst so weit kommen lassen wie die Briten, denen IBM die Straßen ihrer Hauptstadt unter lückenlose Videoüberwachung gestellt hat.
Steckbrief des Vortrags beim 23c3
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