Warum wir uns so gerne überwachen lassen
Geschrieben am 28.12.2006
Es scheint in der gegenwärtigen Gesellschaft ein widersprüchliches, aber tiefes Bedürfnis nach Öffentlichkeit und Überwachung zu geben. Um das zu erlären, beschäftigt sich Christine Ketzer mit Sozialgeschichte und -Theorien. Hier können nur einige - zugegeben nur lose zusammenhängende - Aspekte genannt werden, die zur weiteren Recherche anregen können.
Gerne wird im Zusammenhang mit der Überwachung Ulrich Becks "Risikogesellschaft" aufgegriffen, deren normativer Entwurf die Sicherheit ist. Der Wechsel im Wertesystem von der Klassen- zur Risikogesellschaft bedeutet den Wechsel von "Ich habe Hunger." zu "Ich habe Angst.". In der Risikogesellschaft schließen sich Menschen nicht aus Not, sondern aus Angst zusammen. Sie wird die treibende Kraft. Beck hatte mehr Umweltprobleme und Katastrophen im Sinn, heute ist der Terrorismus die tonangebende latente Bedrohung. Viele Entscheidungen der Inneren Sicherheit wie Videoüberwachung, großangelegte Rasterfahndungen und Biometrie sind nur durch die Angst der Bürger durchzusetzen gewesen. Die Aufgabe der Regierung wechselt von der Erhaltung von Wohlstand zur Herstellung von Sicherheit. Aus Becks Sicht tendiert die Risikogesellschaft latent zum durch die Gefahrenabwehr gerechtfertigten Totalitarismus. Der Wunsch nach Sicherheit ist verständlich. Fraglich ist nur, welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind.
Kennzeichnend für die Risikogesellschaft ist zum Beispiel proaktive Polizeiarbeit. Straftaten sollen immer mehr im Voraus verhindert anstatt im Nachhinein aufgeklärt zu werden. Das geht im Extrem so weit, dass die Unschuldsvermutung umgekehrt wird (vgl. dazu die aktuellen Entwicklungen in der Vorratsdatenspeicherung). Solche Entwicklungen werden toleriert, weil damit angeblich Sicherheit geschaffen werden soll. Wer nichts zu verbergen habe, habe nichts zu befürchten, wird gern argumentiert. In Großbritannien werden in sozialen Brennpunkten bereits Drohnen eingesetzt, unbemannte Flugobjekte für die Überwachung, die sonst vom Militär im Irak verwendet werden, um "antisoziales Verhalten" zu bekämpfen. Die Schwellen für den Einsatz von kollektiver Überwachung zur Prävention werden immer niedriger.
Foucault nennt die Gesellschaft, in der wir leben, eine "Sicherheitsgesellschaft". In "Überwachen und Strafen" beschreibt Michel Foucault ein Gefängnis, in dem die Zellen von einem Turm aus einsehbar sind, die Gefangenen allerdings nicht wisssen, wann und ob sie überhaupt überwacht werden. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma bleibt, sich ständig so konform zu verhalten, wie man es unter Überwachung tun würde. Im Panoptikum ist die Wirkung der Macht permanent, obwohl ihre Ausübung das nicht ist. Ähnlich geht es Bürgern in der Öffentlichkeit heute: Wer weiß noch, wo eine Kamera hängt, ob sie eingeschaltet ist oder es sich gar um eine Attrappe handelt?
Seit dem 17. Jahrhundert sieht Foucault einen Wandel der Staatsgewalt von der disziplinarischen Macht über den Tod durch drastische Strafen zur regulierenden Macht über das Leben durch kontrollierende Eingriffe. Ziel dieser Eingriffe ist nicht das Individuum, sondern die gesamte Bevölkerung.
Einen wirksamen Weg, das Übel an der Wurzel zu packen und die zugrundeliegende Angst zu bekämpfen, sieht Ketzer nicht. "Es ist eine sehr, sehr zähe Sache, den Leuten dieses Unsicherheitsgefühl zu nehmen. Vielleicht braucht es noch ein paar Jahre." Aber: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."
Steckbrief dieses Votrags beim 23c3
Foucault: Geschichte der Gouvernementalität 1/2 bei Amazon
0 Kommentare



