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Eckgrafik zum Imitieren des verschobenen Dropshadows

Wie wirkt Überwachungsdruck?

Geschrieben am 29.12.2006

Wer vor einiger Zeit in Wien die "Kronen-Zeitung" klaute, trug womöglich zu einem soziologischen Feldexperiment bei. Martin Slunsky und Adrian Dabrowski hatten an verschiedenen Stellen der Stadt Exemplare zur Bezahlung auf Treu und Glauben ausgelegt - zum Teil mit einem deutlichen Hinweis auf Videoüberwachung. Ihr Fazit überrascht nicht: Videoüberwachung wirkt - ist aber den Aufwand nicht wert.

Unter großem Gelächter zeigten die beiden einige beispielhafte Videos vom Verhalten der Passanten. Das reichte von gedankenlosem Mitnehmen der Zeitung, ohne den Warnhinweis auch nur zu bemerken, über schnelle, vermeintlich unbemerkte Griffe und langes Grübeln vor dem Schild bis zum vorgeblichen Einwerfen einer Münze. Insgesamt bezahlten aber an den offensichtlich überwachten Auslagestellen mehr Leser ihre Zeitung als an den unbeobachteten.

Obwohl sie mit ihrem kleinen Experiment eine Wirkung messen konnten, sprechen sich die beiden Referenten gegen die Videoüberwachung im öffentlichen Raum aus und präsentieren Alternativen. Zum Beispiel hat ihre Untersuchung auch gezeigt, dass an belebten Orten weit weniger Zeitungen geklaut wurden als in stillen Seitenstraßen. Auch die am selben Standort den größeren Menschenmassen zugewandten Seiten blieben vom Klau eher verschont. Ein Unrechtsbewusstsein und eine gewisse Scham müssen also vorhanden sein.

Überhaupt dient die Videoüberwachung weit mehr der Erhöhung des Sicherheitsbewusstseins als der Verhinderung von Straftaten. Als Beispiel wird die Überwachung der Wiener U-Bahn angeführt, die vordergründig der Bekämpfung von Vandalismus dienen soll. Jährlichen Vandalismusschäden von ca. 200.000 Euro stehen aber Milliardeninvestitionen für die Überwachung entgegen. In die Sparte "gefühlte Sicherheit" fällt auch der Effekt der Dislokation, der Verlagerung von Kriminalität oder unerwünschtem Verhalten von Plätzen des öffentlichen Interesses an andere Orte. Auch repressiv nützt die Überwachung wenig. Bisher gab es in Österreich noch keine einzige Verurteilung auf Basis von Videoüberwachung im öffentlichen Raum.

Wie lässt sich also eine Verhaltensänderung herbeiführen, ohne viel Geld für Technik auszugeben und die Privatsphäre der Bürger zu beschneiden? Ganz einfache Tricks erzielen verblüffende Erfolge: Um mehr Nutzer einer Kaffeemaschine zum Einwurf von Geld in eine Sparbüchse zu bewegen, reicht schon das Bild eines Augenpaares in Sichtweite (zu Unterschieden im sozial erwünschten Verhalten von Büropersonal vgl. das Beispiel des Bagel-Verkäufers in Levitt/Dubners lesenswertem Buch Freakonomics. Überraschende Antworten auf alltägliche LebensfragenBild).

Problemzonen lassen sich schon mit besserer Beleuchtung und der Einrichtung durchgehender Sichtebenen etwa durch niedrigere Sträucher entschärfen. Begrünung und Sauberkeit tun ein übriges, indem sie den Eindruck vermitteln, dass sich jemand um den Ort kümmert und somit ein Auge darauf hat (vgl. die Broken Windows Theorie). Wie schon die Soziologin Christine Ketzer in ihrem Vortrag "Warum wir uns so gerne überwachen lassen" darstellte, geht es in erster Linie um einen subjektiven Effekt, der auch mit subjektiven Mitteln erreicht werden kann.

Für die Zukunft sehen die beiden Österreicher trotzdem nichts gutes: Private Sicherheitsdienste könnten ihre Rolle als Hilfspolizei ausbauen, einmal erfasstes Videomaterial muss fast zwangsläufig Begehrlichkeiten anderer Behörden wecken. Zu einfach wäre es, zum Beispiel in der Verkehrsüberwachung per Computer nach einem bestimmten Auto zu fahnden. Rechtlich ist diese Zweitverwertung noch nicht möglich, technisch schon. Ob es für die Prävention nötig ist, ist höchst zweifelhaft.


Mehr Informationen zum Thema:
Warum wir uns so gerne überwachen lassen - Blog zum Vortrag bei achinger.com
Quintessenz - Verein und Webmagazin zu Netzthemen und Privatsphäre
Elisabeth Blum: Schöne neue Stadt. Wie der Sicherheitswahn die urbane Welt diszipliniertBild bei Amazon
Steckbrief des Vortrags beim 23c3


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