Die Zitierfähigkeit von Wiki-Wissen
Geschrieben am 27.12.2006
Kollaboratives Wissensmanagement im Bildungsbereich ist der eigentliche Titel dieses interessanten Vortrags, aber so etwas liest ja keiner. Dabei geht es um eine nicht nur in der wissenschaftlichen Welt brandaktuelle Frage: Wie verlässlich und damit zitierfähig ist Wikipedia? Es tut sich was in der freien Enzyklopädie...
"Lexika darf man nicht zitieren" heißt es in universitären Kreisen immer noch, zumindest, so lange es sich nicht um Fachlexika handelt. Die Redaktionen von Konversationslexika bestehen nicht aus Fachleuten und es besteht keine Autorenverantwortung, d.h. die einzelnen Artikel sind nicht namentlich gekennzeichnet. Bei Fachlexika ist das anders, und darüber hinaus gibt es das Prinzip des peer reviews, der Beurteilung von fachlichen Artikeln durch andere Fachleute.
Wo ist nun die Wikipedia anzusiedeln? Sie wird sowohl von Fachleuten als auch von Laien geschrieben. Diese Autoren übernehmen auch Verantwortung, zumindest ihre Pseudonyme sind in der Versionsgeschichte eines Artikels nachzulesen. Diese Pseudonyme oder Nicknames sind insofern nachvollziehbar, als sich andere Beiträge unter diesem Namen finden lassen und so einige Aussagen über die Qualität und Expertise des Schreibers getroffen werden können - natürlich macht das kaum jemand.
In der Wikipedia gibt es verschiedene Kennzeichen für besonders qualitative Artikel:
Neu sind die "gesichteten", d.h. "nicht-vandalierten" Artikel, also Artikel, die von Mitgliedern als in Ordnung beurteilt wurden, und die "geprüften" Artikel, die von Experten durchgesehen wurden. Die Diskussion darüber, solche Artikel gegen Veränderungen zu sperren, ist noch nicht abgeschlossen.
Eine kleine Anmerkung meinerseits: Diese Prinzipien haben die Macher des KoWiki an der Universität Münster, an dessen Öffentlichkeitsarbeit ich in Zukunft mitwirke, für ihren Fachbereich, die Kommunikationswissenschaft, schon umgesetzt. Die Inhalte befinden sich allerdings noch in der ersten Aufbauphase.
Warum will man überhaupt aus der Wikipedia zitieren, wenn sie sich doch vornehmlich an Laien wendet? Der Vorteil wird oft so beschrieben, dass es sich um sogenanntes "konsensuelles Wissen" handele, also Wissen, das nicht von einer Redaktion als beweisbare absolute Wahrheit gehalten wird, aber das eine große Menge von Menschen für wahr hält. Das kann bei strittigen Themen wie Religion, Moral und Politik durchaus problematisch, aber sehr interessant sein. Hin und wieder haben diese Artikel sogar eine Qualität, die klassische Lexika aufgrund von Zensur oder Rücksichtnahme nie erreichen könnten.
Ein zentrales Problem der Zitation im Internet ist die Dynamik des Mediums. Während eine Seitenangabe in einem gedruckten Werk eindeutig ist, kann unter einer URL schon in wenigen Sekunden nichts mehr oder etwas anderes zu finden sein. Auch und gerade die Wikipedia ändert sich ständig. Abhilfe schaffen sollen Permanentlinks oder Permalinks, URLs, die dauerhaft auf eine bestimmte Version eines Artikels verweisen. Wer ohne Permalink zitiert, sollte Sprache, Titel und Versions-ID des Artikels angeben.
Eine andere Schwierigkeit besteht in der Anonymität der Autoren. Die Kennzeichnung mit Klarnamen widerspricht den Prinzipien der Wikipedia-Macher, würde aber nicht nur für Vertrauen in "klassischen" Wissenschaftskreisen sorgen, sondern eventuell auch für ganz neue Motivationen sorgen: Einen stabilen Beitrag bei Wikipedia geschrieben zu haben, könnte ein Beleg für sorgfältige wissenschaftliche Arbeit sein (Die KoWiki-Macher haben sich bereits dafür entschieden). Aufschluss über die Stabilität und damit Konsens-Fähigkeit von Artikelinhalten könnte die Besucherzahl seit der letzten Änderung geben. Angeblich wurden diese Zahlen, die schon einmal zugänglich waren, aufgrund zu großer Serverlast wieder von der Seite genommen.
Wenn man den Referenten glauben mag, könnte der Wikipedia demnächst der Sprung in die "seriöse", oder wenn man lieber will: "konservative" Wissenschaft gelingen. Das Problem der Dynamik scheint gelöst, einen Schutz gegen mutwillige Veränderung könnte die Prüfung und Sperrung bieten, wenn auch mit einem weinenden Auge. Schwierig ist noch die Zuweisung der Verantwortung: Bei kollaborativ erstellten Artikeln fällt es schwer, den "Hauptautor" zu bestimmen, die Nennung aller oder prozentuale Aufteilung ist nahezu unmöglich. Die Lorbeeren oder Prügel bezöge also der Prüfer. Vielleicht ein Ansporn, sich besonders ins Zeug zu legen.
Mehr Informationen:
Wikipedia-Artikel zum Zitieren von Internetquellen
Wikipedia-Artikel zu Permalinks
Steckbrief des Vortrages beim 23c3
Besonders bei diesem Artikel würde ich mich über Kommentare freuen. Würden Sie Wikipedia zitieren? Wo liegen die Probleme? Wie könnte die Zukunft der Online-Enzyklopädie aussehen?
2 Kommentare
Von Dominik am 28.12.2006, 14:26
Wikipedia ist mit Sicherheit ein großartiges Nachschlagewerk und für eine erste Information über ein unbekanntes Thema gut zu verwenden. Vor der Anerkennung im wissenschaftlichen Bereich und damit der Zitierfähigkeit stehen meiner Meinung nach aber einige unüberwindbare Hüden. Zum einen entsprechen die meisten Artikel schon formal nicht wissenschaftlichen Ansprüchen, es wird wenig belegt und aus zweifelhaften Quellen zitiert. Zum zweiten ist das Projekt viel zu breit für den Anspruch der Zitierfähigkeit angelegt: Artikel über sämliche Actionfiguren aus japanischen Zeichentrickserien und Ähnliches stärken nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit der Wikipedia an sich, so wichtig sie Teile der Community auch finden mögen. Hier liegt der Vorteil von Projekten wie Kowiki, an dem ich selber mitwirke: ein klar abgegrenztes Thema (Online-Kommunikation), wissenschaftliche Schreibregeln und Prüfung (keine Zensur!) der Artikel durch die Community, aber auch anerkannte Fachleute. Solche Projekte werden sich für viele andere Themenbereiche bilden und das wissenschaftliche (und damit auch zitierfähige Äquvivalent zu Wikipedia bilden.
Von Tobias am 27.12.2006, 22:46
Die neuen Funktionen der Wikipedia sind ja quasi ein versuchter Spagat zwischen der Vorgänger-Version Nupedia und den wissensanarchischen Zielen der frühen Wikipedia-Versionen. Da ich generell fest an die Stärke von Hybridlösungen glaube, denke ich daß die Wikipedia mit diesen neuen administrativen Features einen Schritt in die richtige Richtung tut. So wird sie außerdem auch noch salonfähiger und zitierfähiger.



