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Eckgrafik zum Imitieren des verschobenen Dropshadows

Funkerspuk

Geschrieben am 29.12.2006

Seit der Erfindung der drahtlosen Telegraphie wird sie staatlich reguliert. Deutschland und die USA gingen darin aber fundamental unterschiedliche Wege. Oona Leganovic gab einen Überblick über Entwicklungen hüben wie drüben, die die heutige Medienlandschaft erklären und prägend waren für die Behandlung jüngerer Medien.

1916 gab es in den Vereinigten Staaten 10.000 lizensierte Funkamateure, die häufig auf denselben Frequenzen sendeten. Als die Titanic sank, waren die Rettungsversuche auch deshalb wenig erfolgreich, weil sie aufgrund der dauernden Interferenzen nicht ordentlich koordiniert werden konnten. Erst später wurden Funkfrequenzen zum Beispiel für Notrufe reserviert.
Ende 1920 sendeten 30 Radiostationen in den USA, 1924 waren es bereits 500. Auch diese störten sich gegenseitig, so debattierten 30 Teilnehmer der ersten Radiokonferenz 1922 darüber, wer zu welchem Zweck senden dürfe. Auch die Eindämmung der Werbung war bereits Thema. Präsident Herbert Hoover stellte ein öffentliches Interesse am Radioempfang fest. Die Konferenz kam jedoch zu keinem brauchbaren Ergebnis.

Es folgten drei weitere solche Konferenzen in den nächsten Jahren, auf denen sich die Vertreter der verschiedenen Interessengruppen auf den Füßen standen. Die Hörer wollten weiterhin kostenlosen Radioempfang, die Radiostationen hätten sich gern über eine Steuer finanziert. Und selbstverständlich gab es Gezerre darum, wer ein Recht auf welche Frequenz hatte. Mit und mit kam es zu einer Verdrängung der Amateure von den reichweitenstarken Frequenzen zugunsten der großen Sender. Eine Regulierung der Inhalte wurde zurückgewiesen. Wer die Lizenz bezahlte, sollte sein Programm selbst bestimmen. Hoover dazu: Jeder kann senden, was er will, aber es kann auch jeder hören, was er will.

Während in den USA die Regulierung in eine rege Szene aus Funkamateuren und mehreren hundert Radiosendern eingriff, ließ es die Weimarer Republik gar nicht erst so weit kommen.
Rundfunk war eine rein militärische Angelegenheit. Nachdem sich die gescheiterte Revolution von 1918 in großem Maße der neuen Technik zur Informationsverbreitung bediente - der sogenannte "Funkerspuk" - und sogar das "Wolff'sche Telegraphen-Bureau" in Berlin besetzte, sah sich die Reichsregierung in ihrer Einschätzung des Sendens und Empfangens für alle als Bedrohung für die staatliche Ordnung bestätigt. Zwischenzeitlich wurde der Funkempfang völlig verboten, später nur der Verkauf von passiven Mittelwellenempfängern erlaubt.

Kurz vor Weihnachten 1920 wurde das erste Musikkonzert übertragen - noch ohne offizielle zivile Publikumsbeteiligung. Die Empfangsgeräte hatten über den "Mißbrauch von Heeresgerät" ihren Weg zur Bevölkerung gefunden: Von 190.000 ausgebildeten Funkern, die den täglichen Report der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen übermittelten und empfingen, wurden 100.000 nach Kriegsende nicht mehr gebraucht. Nicht wenige nahmen ihre Geräte mit und funkten von zu Hause weiter.

1923 nahm der staatliche öffentliche Rundfunk seinen Betrieb auf. Radio sollte eine "moralisch vertretbare Heiterkeit herstellen". Die Wiederherstellung der Arbeitskraft und Erziehung der Bürger stand im Fokus des Betriebs. 10% der Sendezeit in den späten 20er Jahren nahmen Nachrichten und Information ein, nur 30% Unterhaltung. Die übrigen 60% waren für Bildung und Erziehung vorgesehen, völlig konträr zum Publikumsinteresse. Eine öffentliche Debatte über Programme und Lizenzen wurde in Deutschland nicht geführt, die Entscheidungen darüber hinter verschlossenen Türen gefällt. In den ersten sechs Jahren Radio in Deutschland mussten sogar die Hörer eine Lizenz beantragen und dafür bezahlen. Die Produktion von Radios im Eigenbau und das "Schwarzhören" waren damals weit verbreitet, das Reichspostministerium steuerte mit Prämien für Denunzianten dagegen. Lange Jahre blieb das Radio hierzulande eine rein staatliche Veranstaltung, und nach wie vor hinkt die Deutsche Radiolandschaft der amerikanischen in Dichte und Vielfalt hinterher.

Die Entwicklung in Amerika lässt interessanterweise einige Parallelen zum Internet erkennen: Anfänglich ein Verständigungsmittel für Freaks und Enthusiasten, wird es nach und nach von Firmen kolonialisiert und weitgehend zum unidirektionalen Medium umgepolt. Nur das Radio 2.0, wie es Brecht in seiner "Radiotheorie" vorschwebte, verkauft uns noch niemand. ;-)


Geschichte des Hörfunks bei Wikipedia
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